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ZUR AUTORIN

Maria Jansen, geboren 1988 in Petrosawodsk, Russland, immigrierte im Alter von acht Jahren mit Eltern, Großeltern und Bruder nach Deutschland. Sie studierte Germanistik und Philosophie in Düsseldorf und Innsbruck sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie ist Gewinnerin des Publikumspreises beim Literaturwettbewerb Wartholz 2018 und bekam mehrere Stipendien für ihren Debütroman. Sie lebt und schreibt in Berlin.

Foto: Alena Schmick

Im Gespräch mit Kristen Arnett

Bei uns im Verlag spielen Frauen eine große Rolle. Gibt es ein weibliches Vorbild in Ihrem Leben, das Sie besonders inspiriert hat?

Es gibt einige Frauen in meinem Leben, die mich zum Nachdenken und Hinterfragen bringen. Es gibt viele Autorinnen, deren Fan ich bin. Aber so richtig jemanden zum Vorbild nehmen, hieße für mich, etwas nachzuahmen, das nicht meins ist. Vielmehr möchte ich meinen eigenen Weg gehen.

In Ihrem Roman geht es um die Verarbeitung von Trauer und darum, wie der Tod die Lebenden beeinflusst. Es geht um Geschwister und Familie. Und es geht um Russland. Wie kamen Sie zu diesen Themen?

Es sind wohl die Grenzerfahrungen, die mich anziehen. Dieses Buch konnte also nur an dem Ort spielen, aus dem ich komme: Karelien. Ein Ort, der immer geteilt war – zwischen Finnland und Russland, zwischen Stadt und Land, einerseits reich an Wäldern und Seen, andererseits gezeichnet durch eine blutige Vergangenheit. Meine Figuren überschreiten immer wieder Grenzen, ziehen sie und stoßen an sie. Schura muss sich von ihrer Familie abgrenzen. Ihr Bruder Kostja muss die Grenze zwischen Leben und Tod passieren. Mich interessiert die Liminalität, das Dazwischen in all seinen Formen.

Warum spielen Märchen und der heidnische Glaube eine so große Rolle im Roman?

Kostja erzählt Schura Märchen. Es ist das verbindende Element zwischen ihnen. Sagen und Märchen erklären ihr die Welt, durch sie kann sie ihre Wünsche und Ängste kommunizieren. Sie sind etwas Hochemotionales. Auf dieselbe Art hat das Heidentum die Welt betrachtet: nicht nach einem logischen System, sondern einem emotional konstruierten. Wenn Kostja als Geist wiederkehrt, kann es keine logische, gar wissenschaftliche Erklärung geben – wir befinden uns hier im Bereich der Gefühle. Nur in dieser Welt kann etwas so Unglaubliches geschehen.

Außerdem bin ich mit russischen Märchen aufgewachsen – und was mir an ihnen immer besonders gefallen hat, waren die sehr starken Frauenfiguren. In Deutschland las ich dann viele Märchen, in denen Mütter, Töchter, Prinzessinnen unterwürfig und passiv waren. Allein dass Dornröschen und Schneewittchen schlafen müssen, bis sie der Prinz wachküsst und rettet, ist so ärgerlich. In den Märchen meiner Kindheit zogen die Frauen in den Kampf, sie waren zauberkundig, klüger als die Männer. Das gefiel mir. Ich wollte auch so eine selbstbewusste Figur schreiben, und dann ist Schura entstanden.

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