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Tatjana von der Beek
Die Welt vor den Fenstern
Originalausgabe
Ca. 320 Seiten. 12,2 x 18,8 cm
Gebunden mit Lesebändchen
Preis: € 20,– [D]/€ 20,60 [A]
ISBN: 978-3-7530-0062-6
Erscheint am 22. März 2022
Auch als E-Book erhältlich.

Tatjana von der Beek

Die Welt vor den Fenstern

Eine Familie, die sich ihre eigene Welt in einem einzigen Haus erschaffen hat – bis eine von ihnen an deren Grenzen stößt

Abgeschieden von der Außenwelt lebt die junge Maia mit ihrer Familie in einem großen Haus im Wald, das niemand je verlässt. Das Familienleben folgt seiner ganz eigenen Logik – alle haben ihre Aufgaben und folgen einem strengen Regelwerk, das von der Geschichte ihrer Vorfahren und dem Wissen über Astronomie geleitet wird. Die Sterne geben den Familienmitgliedern Namen und bestimmen in ihrer Konstellation auch das Zusammenleben. Doch Maia genügen die Geschichten irgendwann nicht mehr. Ist die Welt da draußen wirklich so gefährlich, wie es ihr seit ihrer Geburt gesagt wurde? Als die Älteren sich immer sonderbarer verhalten, hinterfragt sie zunehmend die Grenzen des Hauses und der Geschichten …

Aus dem Buch

»Je mehr ich mich nach Maia sehnte, desto häufiger saß ich auch tagsüber vor den Fenstern. Doch meistens sah ich nur, was ich schon kannte – wie sich die Farben des Himmels abwechselten, wie sich die Wolken auftürmten, vergingen und über das Haus hinwegzogen; wie sich das Gras im Wind wiegte und ab und zu ein vertrocknetes Blütenblatt vom Stiel fiel. Im Morgengrauen hing Nebel über der Wiese. Die Tannen waren manchmal nicht mehr zu erkennen. Der Nebel verschwand normalerweise unter den ersten Sonnenstrahlen, die es über die Tannen schafften, doch an seltenen Tagen blieb er. Er rückte so nah an das Haus, dass sich kleine Tröpfchen auf den Scheiben bildeten. Nach dem Nebel kam Regen, kam Schneeregen und ein paar Mal dicker Schnee. Ich hörte das Knacken des Hauses im Wind, die pfeifenden Böen, das Prasseln des Regens auf dem Dach und die wattene Stille des Schnees. Ich hörte Donner, nah und fern, manchmal das Rufen von Eulen in der Nacht, das Singen von Vögeln, wenn die Sonne aufging. Ich sah Blitze, die sich im Wald entluden, und wie alles, was fliegen konnte, seine Bahnen zog. Manchmal spürte ich einen Luftzug durch die undichten Fenster, die tagein, tagaus geschlossen blieben. Die Nächte wurden kurz, dann wieder länger, und mit der wachsenden Länge der Tage wuchsen frische Gräser, Blumen und Blüten; das Grün des Waldes wurde satter, der Himmel klarer, alles bewegte sich mehr. Wenn ich mein Gesicht flach auf die Scheiben drückte, sah ich, dass die Fenster Schmutz von Regenwasser auf einer Seite trugen, und Staub auf der anderen. Die Aussichten waren diesig und unwirklich durch die schmutzigen Fenster; sie standen da wie bewegliche Gemälde. Die Perspektive auf den Wald nahm von keinem Fenster aus eine Dreidimensionalität an. Der Wald bildete immer ein Haus um das Haus, verbarg die Wiese und das Haus in sich, wie unsere Hauswände die Zimmer verbargen.«

ZUR AUTORIN

Foto: Johanna Baschke